Wer bist du und was machst du?
Ich bin Noah, auch bekannt als adodo. Das ist nicht nur mein DJ-Name, sondern auch mein dritter Name auf dem Ausweis. adodo heißt Geduld.
Ich bin DJ und mache mit Freund*innen die Partyreihe ekses. Angefangen hat das Ganze in Köln mit Open-Air-Raves. Am Anfang waren es vor allem mein bester Freund Shayan und ich, später kamen Lauritz und Nello dazu.
Musikalisch komme ich ursprünglich stark aus dieser SoundCloud-Bubble. Ich war total in Edits drin, vor allem um Corona herum, und habe mich durch Breakbeats, Ghetto-Tech, Electro und alles Mögliche geklickt.
Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass es mir etwas gibt, Musik physisch in der Hand zu haben. Nicht jede Woche hundert neue Tracks auf den Stick zu ballern, sondern einen Gegenstand zu besitzen, zu dem man einen realeren Bezug hat.
Seitdem bin ich mehr in Richtung House, Tech-House, Minimal und Techno gegangen. Gerade interessieren mich früher Tech-House aus den späten 90ern und frühen 2000ern, Techno aus den mittleren 90ern und dubbigere Sachen aus den 2000ern. Aber das ändert sich ständig. Es hängt immer davon ab, welche neue Brücke ich gerade finde.
Wie heißt der Track, den du vorstellen möchtest und von wem ist er?
Meaning – Richard Davis – The Remixes
Was macht die B-Seite besonders?
Für mich funktioniert die B-Seite fast wie ein zusammenhängendes Stück. Die Pause zwischen B1 und B2 ist so gut gesetzt, dass beide Versionen wie zwei Seiten desselben Gefühls wirken.
Die B1, also der Swayzak Dub, ist sehr minimalistisch, dubbig und fast melancholisch. Der Track geht tief rein, baut sich lange auf und nimmt einen richtig mit. Die B2, der Rework von The Amalgamation Of Soundz, bringt dagegen viel mehr Aufbruch mit. Da ist mehr Bewegung drin, mehr Licht, mehr dieses Gefühl von: Es geht weiter.
Beide Versionen arbeiten mit denselben Vocals. Und gerade das macht es für mich so stark. Die Vocals drehen sich im Grunde um die Zeile: „Don’t look for meaning in my words.“ Bei so einem emotionalen Track bringt das eine interessante andere Seite rein. Fast so ein: It’s not that deep. Genau das catcht mich immer wieder.
Wann und wie hast du die Platte entdeckt?
Ich habe die Platte vor ungefähr anderthalb Jahren entdeckt. Ich kann das ziemlich genau sagen, weil ich sie damals bei Discogs meiner Sammlung hinzugefügt habe.
Mein Prozess ist meistens so: Wenn ich irgendwo auf Instagram oder sonst wo einen Track finde, den ich gut finde, packe ich ihn in meine Discogs-Wishlist. Die ist inzwischen völlig explodiert und da ist auch viel Trash drin. Aber dadurch sehe ich bei Sellern schnell, ob sie mehrere Platten haben, die in meine Richtung gehen.
Bei dieser Platte war es wahrscheinlich genauso. Ich hatte einen Seller gefunden, der drei oder vier Sachen hatte, die mich interessiert haben. Dann habe ich geschaut, was der sonst noch so hat, ungefähr in diesem Genre und aus dieser Zeit. Dabei bin ich auf die Platte gestoßen. Vor allem die B1 hat mich direkt komplett von den Socken gehauen. Ich habe die Bestellung abgeschickt und dann musste ich sie einfach haben.
Legst du die Platte auch auf?
Ja, und eigentlich ist genau das der Grund, warum ich diese Platte ausgewählt habe.
Als ich sie gekauft habe, fand ich sie direkt stark, konnte sie aber noch nicht richtig einordnen. Ich kaufe oft Platten, weil ich sie interessant finde und darauf vertraue, dass sie irgendwann Sinn machen. Zu dem Zeitpunkt passte sie noch nicht hundertprozentig zu meiner restlichen Sammlung.
Dann hatten wir unsere erste Party in Berlin. Ich war damals richtig obsessed mit dem Track und mir war klar: Ich muss diese Platte als Closer spielen. Das Ding ist nur: Die B1 ist ungefähr vierzehn Minuten lang und ziemlich minimalistisch. Als dann der Call kam, dass nur noch ein Track gespielt werden soll, dachte ich: Okay, perfekt. Ich spiele diesen einen langen Track und lasse ihn in die B2 laufen. So konnte ich aus dem Ende der Party noch ungefähr zwanzig Minuten rausholen.
Das war smart, aber vielleicht nicht der perfekte Closer für diesen Moment. Ein Bekannter meinte danach: Voll geiler Track, aber für den Abschluss hätte man den Leuten vielleicht noch ein bisschen mehr geben können. Damals habe ich das nicht so richtig gecheckt. Ich liebte den Track und wollte einfach noch Zeit rausholen. Rückblickend ist er in dem Moment vielleicht ein bisschen untergegangen.
Gab es später nochmal einen besonderen Moment mit der Platte?
Ja. Ende letzten Jahres habe ich nochmal ein Closing mit Shayan gespielt. Das kam nach einer persönlich eher roughen Zeit, in der ich lange nicht mehr so viel Spaß am Auflegen hatte und mich darin ein bisschen verloren hatte.
Dieses Closing hat mir wieder gezeigt, dass Auflegen etwas ist, was ich wirklich verdammt gerne mache und wovon ich mehr in meinem Leben haben möchte.
Nach ungefähr dreieinhalb Stunden hieß es wieder, wir sollen den Closer spielen. In dem Moment musste ich an die erste Situation denken, in der ich die Platte gespielt hatte. Diesmal habe ich aber nicht die B1 genommen, sondern die B2.Das war ein krass emotionaler Moment. Das ganze Set hatte schon viel in mir gelöst. Es hat mich wieder stärker verankert in dem Gefühl für meine Freund*innen, für die Menschen, mit denen ich das alles machen kann, und für die Unterstützung, die ich lange gar nicht so bewusst wahrgenommen hatte.
Was macht die Platte für dich bedeutungsvoll?
Für mich sind es diese zwei Seiten einer Medaille. Beide Tracks könnten fast ein Track sein, aber sie spiegeln unterschiedliche Zustände desselben Gefühls. Die B1 geht tief rein, ist minimalistisch, dubbig und melancholisch. Die B2 öffnet das Ganze wieder, bringt Aufbruch und Wärme rein.
Und dann ist da natürlich die Geschichte, wie ich sie gespielt habe. Beim ersten Mal war ich noch so: Ich will diese Platte unbedingt als Closer spielen. Beim zweiten Mal hat sie dann wirklich gepasst. Da war sie nicht nur ein Track, sondern ein Abschluss für eine Phase, in der ich wieder gespürt habe, warum ich auflege.
Gibt es noch etwas, das du zu dem Track sagen möchtest?
Eine kleine Beichte vielleicht: Ich habe lange gar nicht gecheckt, dass die B1 von Swayzak ist, beziehungsweise dass es ein Swayzak-Remix ist.
Erst später ist mir aufgefallen, wie oft dieser Name in dem Genre auftaucht. Swayzak ist einer dieser Namen, der mit unendlich vielen Releases verbunden ist. Ich kann nicht sagen, dass es ihr bester Track ist, weil ich längst noch nicht alles von ihnen durchgehört habe. Aber es ist auf jeden Fall einer der Tracks, der mir am nächsten am Herzen liegt.
Was inspiriert dich als DJ und Plattensammler?
Für mich ist Auflegen und Platten suchen ein sehr meditativer Prozess.
Beim Diggen bewegt man sich irgendwie durch Zeit und Raum. Man baut Kontakt zu Menschen auf, zu Producer*innen, die irgendwann irgendwo ein Gefühl zusammengefasst haben, das dann bei einem selbst resoniert. Ich höre einen Track von 2003, vielleicht von irgendeinem Typen aus UK, und der fasst etwas zusammen, das bei mir in genau diesem Moment einen Nerv trifft. Fast so, als wäre der Track für mich gemacht worden. Das finde ich magisch.
Als DJ geht es dann darum, diese Gefühle wieder zu transportieren. Man nimmt etwas, das andere Menschen irgendwann irgendwo auf der Welt eingefangen haben, findet sich darin wieder und versucht, es in einem fließenden Ablauf weiterzugeben. So, dass andere Leute wiederum verstehen, was man fühlt.
Das kann man nicht unendlich tief planen. Jede Party fühlt sich anders an. Man wacht an einem Tag anders auf als an einem anderen. Deshalb muss man in dem Moment sehr bei sich sein. Man muss spüren: Was würde ich jetzt hören wollen? Was ergibt Sinn? Was ist echt?
Für mich ist Auflegen auch eine Art, die eigenen Bedürfnisse und Gefühle unter Stress besser wahrzunehmen und zu artikulieren.
Was kann Musik in solchen Momenten?
Musik erinnert einen daran, dass man mit seinen Gefühlen nicht so allein ist, wie man manchmal denkt.
Manchmal fühlt man sich im Leben isoliert und denkt: Nobody really gets me. Aber eigentlich ist die Bandbreite an Emotionen, die Menschen fühlen, gar nicht so verschieden. Vielleicht sind diese Gefühle oft nur lost in translation.
Musik kann das übersetzen. Wenn du auf einer Party einen Track hörst und denkst: Krass, ich dachte, dieses Gefühl habe nur ich, dann merkst du plötzlich, dass der Produzent dieses Gefühl hatte, dass der DJ es hatte, der den Track gerade spielt, und dass die Leute um dich herum es auch fühlen.
Das ist für mich dieser magische Moment der Verbindung.
Mehr über adodo:
Mehr über Richard Davis / Swayzak / The Amalgamation Of Soundz:
https://www.discogs.com/de/artist/41338-Richard-Davis
https://www.discogs.com/de/artist/232-Swayzak
https://www.discogs.com/de/artist/5151-The-Amalgamation-Of-Soundz


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